Nicole Unger und Holger Borggrefe über ihren Film
Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, einen Film zum Thema Arbeitslosigkeit zu machen?
Holger: Aus der eigenen Erfahrung bzw. Not heraus. Ich hatte im Sommer 2003 mal wieder ein erfolgloses Bewerbungsgespräch in München geführt und das sichere Gefühl, dass das mit einem Regieauftrag in diesem Jahr nichts mehr werden würde. Nicole hatte als Schauspielerin auch nicht gerade viel zu tun. Und in Anbetracht der Medienkrise wollten wir nicht in Lähmung erstarren. Abwarten hilft nun mal nichts.
Nicole: Wir saßen dann im Café, holten Zettel und Stift heraus, und haben drauflos gesponnen. Wir hatten drei vielversprechende Ideen, wovon die eine war, unsere Situation aufzugreifen und einen Film zum Thema Arbeitslosigkeit zu machen. Das mit den drei Hauptfiguren ist uns erst später gekommen, als wir überlegt haben, dass es schön wäre zu zeigen, wie unterschiedlich die Menschen mit dieser Situation umgehen.
Ihr hattet kein Geld und wolltet einen Film produzieren?
Nicole: Ja. Ich war da sehr unverblümt, weil ich mit der Produktion von Filmen noch keine Erfahrung hatte und deshalb wenig Ahnung von den vielen Kostenpunkten und Schwierigkeiten hatte.
Holger: Und ich habe Anfang 2002 relativ gut verdient und deshalb das Vertrauen meiner Bank gewonnen, die mir daraufhin einen einigermaßen brauchbaren Dispokredit eingeräumt hat. Das sollte die Basis sein. Bevor dieser Dispokredit gestrichen würde, wollten wir also noch schnell die Gelegenheit nutzen und dafür einen Film drehen. Der Bank haben wir natürlich nicht gesagt, warum wir das Konto überzogen haben…
Nicole: Wir haben dann einfach drauflos geschrieben und immer im Auge gehabt: Wie muss das Konzept aussehen, dass wir das dann auch für so wenig Geld machen können?
Holger: Der Hof, wo wir damals gewohnt haben - der Friedrich-Ebert-Hof in Hamburg - ist eine sehr charmante Location. Dort wohnen die verschiedensten Leute in diesen alten Arbeiter-Backsteinhäusern, das war genau das Richtige. Also haben wir gesagt: Wir drehen bei uns.
Wie lange habt Ihr an dem Projekt gearbeitet?
Nicole: Nach ungefähr 2 Monaten war die erste Fassung fertig. Die haben wir dann unseren Schauspielern gezeigt. Bis zur Fertigstellung der Filmkopie ist ziemlich genau ein Jahr vergangen.
Eure Schaupieler standen von Anfang an fest?
Holger: Nur die Darsteller der drei Hauptfiguren. Sowohl mit Kasia Naumow als auch mit Joseph Dieken als auch mit Nicole hatte ich bereits gearbeitet und wollte dieses Projekt mit ihnen machen. Wir konnten das Drehbuch deshalb direkt auf sie zuschneiden.
Nicole: Wir haben deshalb die erste Fassung zusammen gelesen und besprochen. Danach haben wir ein paar Dinge überarbeitet und begonnen, weitere Leute ins Boot zu holen.
Holger: Währenddessen haben wir uns mit diversen Minijobs über Wasser gehalten, weil ich in der Zeit ja kein festes Einkommen und nicht einmal einen Anspruch auf Arbeitslosengeld hatte. Und im Oktober haben wir dann das Drehbuch zur Förderung eingereicht. Dass die Hamburger Filmförderung uns unterstützt hat, war riesiges Glück. Die Fördersumme war nicht hoch, aber wir wissen nicht, wo wir ohne das Geld jetzt wären.
Nicole: Zumindest hätten wir keine Filmkopie.
Wie lange habt Ihr denn gedreht?
Holger: 21 Tage.
Nicole: Nein, 22.
Holger: Ja, wenn man Weihnachten dazu zählt. Das war aber nur ein halber Drehtag. In der Wohnung von Erna Aretz, der Darstellerin von Kerstins Mutter.
Nicole: Oh ja, nicht nur unsere Nachbarn haben uns ihre Wohnungen zum Drehen überlassen - was sehr mutig war -, sondern auch einige der Darsteller haben wahnsinnig viel mitgeholfen.
Holger: Dazu kommt, dass das ganze Team auf Rückstellung gearbeitet hat. Das bedeutet, dass niemand Geld bekommen hat, sondern alle nur dann eine kleine Gage bekommen, wenn der Film verkauft wird.
Wie habt Ihr die Dreharbeiten organisiert?
Nicole: Das war nicht immer ganz einfach. Holger hatte inzwischen eine Arbeit gefunden, als Referent für Filmregie an der Internationalen Filmschule Köln. Deshalb war er oft nicht vor Ort und musste für den Dreh extra anreisen.
Holger: Ja, organisatorisch hat mir Nicole viel abgenommen. Zu Anfang war auch unser Produktionsleiter Jan Stahl dabei, der ein paar hilfreiche Kontakte hatte.
Nicole: Wir haben von allen Seiten sehr viel Unterstützung bekommen: kostenloses Equipment, Sponsoren für Frühstücksbrötchen, Kostüme und vieles mehr. Jeder hat alles gemacht. Die Kostümbildnerin hat Locations aufgetrieben und gekocht, ich habe zwischendurch die Produktionsfahrerin gemacht usw.
Das größte Problem war der fehlende Platz, weil wir keinen Lagerraum für die Geräte hatten. Unsere 3-Zimmer-Wohnung mit ihren 61 Quadratmetern war zwischenzeitlich Set, Essensraum und Küche, Ankleideraum, Maskenraum, Aufenthaltsraum und Produktionsbüro.
Holger: Und wohnen mussten wir da ja auch noch. Ach ja, und wenn gedreht wurde, durfte niemand aufs Klo gehen, weil die Spülung immer so lange gerauscht hat und den Ton kaputt gemacht hat.
Und eure Zusammenarbeit? Du als Regisseur, mit deiner Ehefrau als Schauspielerin in der Hauptrolle?
Holger: Nun, wir wollten nun mal ein gemeinsames Projekt machen, von dem wir beide etwas haben.
Nicole: Die Zusammenarbeit klappt immer besser. Wir achten sehr darauf, auch Projekte ohne den Partner zu machen, aber wir sind in unseren Ansätzen sehr verschieden und lernen deshalb sehr viel voneinander.
Holger: Als Schauspielerin kannte ich Nicole ja schon aus einer Theaterarbeit ("Credo") und einem Kurzfilm ("Endlose Sekunden").
Nicole: Bei "Endlose Sekunden" hatte ich keine Ahnung, was Holger von mir will! Jetzt ging das schon etwas besser.
Holger: Was mich allerdings erstaunt hat, war, dass die Arbeit am Buch so produktiv und unproblematisch lief.
Nicole: Da ergänzen wir uns einfach gut.
Holger: Beim Dreh hätte es sicher einige Konflikte gegeben, wenn wir Zeit gehabt hätten, sie auszutragen. So mussten wir alle an einem Strang ziehen, und jeder hat sein Bestes gegeben.
Nicole: Die Krise kam dann erst hinterher. Aber auch das ist inzwischen vergessen. Das war wohl mehr das Schlafdefizit.
Was habt Ihr jetzt vor?
Holger: Jetzt hoffen wir erst einmal darauf, dass der Film ein Publikum findet, das sich von der Geschichte gefangen nehmen und berühren lässt.
Nicole: Ja, wir sind sehr gepannt auf die Publikumsreaktionen. Und für danach haben schon ein paar neue Projekte in Vorbereitung.
© Nicole Unger